Wann der Web 2.0-Gedanke übertrieben ist

Zugegeben, dieses kuschlige Web 2.0-Getue ist was Feines und eine gute Sache. Manchmal. Denn es gibt auch Fälle, da wirkt das Schmuseweb so aufgesetzt wie das freundliche “Guten Morgen Herr Lehrer” in der ersten Stunde am Montagmorgen.

Twitter lässt zurzeit seine eigenen Texte übersetzen. Insgesamt sind es 1485 Übersetzungseinheiten. Mal nur ein einziges Wort, mal ein paar Sätze, darunter auch Duplikate.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das für Übersetzungsdienstleister ein eher kleiner Auftrag wäre, ca. 1500 Einheiten in eine Sprache zu übersetzen.

Aber für Übersetzungsdienstleister dieser Erde ist das eh nichts. Twitter hat sich entschieden, die Texte der Bedienoberfläche von den Nutzern selbst übersetzen zu lassen. Jeder kann sich für eine Sprache und mit seinem Twitter-Konto als Translator anmelden.

Und dann? Dann kann man loslegen und fröhlich übersetzen. Mal darf man sich irgendwelche Übersetzungen aus den eigenen Hirnwindungen saugen, mal erhält man Vorschläge, wie andere “Übersetzer” die Einheit übersetzt haben.

Was da rauskommt ist generell sicher in Ordnung. “In Ordnung” heißt in dem Fall “allgemein verständlich”. Wenn das das festgelegte Ziel des Twitter-Teams ist: Ziel erreicht. Nachdem tausende übersetzungsgeile Nutzer über euer zarten Texte hin- und hergerutscht sind und über korrekte Einheiten abgestimmt wird, kommt da sicherlich ne verständliche Sache raus.

Doch ob die Texte und die Fachbegriffe da einheitlich sind? Da sehe ich große Fragezeichen. Auch aus Sicht der Marketing-Abteilung. Tweet, Following, Unfollow, Followers, Favorit, sind alles Begriffe, deren Übersetzung nicht dem Zufall überlassen werden sollten; nicht dem Zufall und auch keiner Meute motivierter (un-)talentierter Sprachexperten.

Und wie ihr euch vorstellen könnt, sind das genau die Begriffe, bei denen die ganze Aktion heikel wird:

jaxxo (jaxxo) on Twitter.jpg

Soll “User” auch eingedeutscht “User” heißen oder “Benutzer” oder vielleicht sogar “Twitterer”? Das muss das Twitter-Team entscheiden.

Ebenso der Begriff “Following”:

jaxxo (jaxxo) on Twitter-1.jpg

Die unterschiedlichsten Vorschläge sprechen wohl für sich.

So was kann keine Web 2.0-Gemeinschaft klären. Da helfen auch keine Google Groups, in denen Vorschläge für Übersetzungen diskutiert werden. Denn wie viele bzw. wenige verfolgen diese Diskussionen um Übersetzungen aufmerksam?

Das Problem ist im Kern folgendes: Wikipedia funktioniert, weil sich die Leute meist nur mit einem Thema auseinandersetzen, wenn sie meinen, davon Ahnung zu haben. Manchmal ist das natürlich auch eine Fehleinschätzung. Doch viele Leute können den Text kontrollieren und korrigieren. (Fremd-)Sprachfähigkeiten sind aber immer eine Fehleinschätzung. Und die Übersetzungen werden ja nur indirekt kontrolliert, landen erst mal im System.

Die ungenügenden Fehleinschätzungen sind kein Vorwurf an irgendwen. Das sind die Folgen vom Web 2.0. Wenn jeder sich einbringen kann, meint auch jeder die Kompetenz zu haben, die das “Sich-Einbringen” rechtfertigt. Das ist ein Automatismus. In meinen Augen sollte es wieder mehr nach dem Motto “Gelernt ist gelernt” gehen.

Und nach dem Motto hätte sich Twitter einen Dienstleister mit Muttersprachlern an die Seite genommen, und die paar Strings professionell übersetzen lassen. Auch wenn es pro Sprache nur 1500 Übersetzungseinheiten sind, bei zurzeit 54 Sprachen würde sich das auch läppern. Doch die Entwicklung des Übersetzungssystems war sicher auch nicht umsonst.

Ich bin jedenfalls gespannt, was das Ergebnis der deutschen Übersetzung ist, ob sie verständlich und vor allem einheitlich ist. Für neue unerfahrene Benutzer wäre das wichtig, nicht mal “unfollow” und mal “nicht mehr folgen” zu lesen.

Vielleicht läuft es aber auch anders und ein gelernter Übersetzer kontrolliert die Übersetzungen und entscheidet, welche Übersetzung genommen wird und sorgt gleichzeitig noch für Einheitlichkeit. Wer weiß. Fest steht, viele Leute haben sich freiwillig viel Arbeit gemacht. Ob der Aufwand jedes einzelnen in Relation zur Qualität des Ergebnisses steht, ist fraglich.


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