Gastbeitrag: “iPad: Keine Überraschung, aber definitiv auch keine Enttäuschung”

Dies ist ein Gastbeitrag von Mirko Romstadt. Mirko beendet in Kürze sein Studium der Informatik und Kommunikationswissenschaft an der RWTH Aachen und hat sich im Bereich Mensch-Maschine-Interaktion und Usability spezialisiert. Mirko ist über die Kommentarfunktion erreichbar und freut sich auf eure Meinungen.

Ich habe mir seit gestern Abend einige Gedanken zum neuen iPad gemacht, wusste zuerst nicht, ob ich das Gerät gut oder schlecht finden soll und was man damit anfangen soll. Was macht das Gerät aus? Und wo liegt das Besondere, wo liegen die Einsatzmöglichkeiten, immerhin scheinen viele Leute ja enttäuscht zu sein von Apples neuestem Produkt.

Die Hardware ist Apple-typisch: schlicht, schick, funktional, sehr guter Bildschirm, scheinbar sehr genaues Touchpad, leistungsstark und außer dem Dock Connector und Kopfhörerausgang keine Anschlussmöglichkeiten. Wenn man ehrlich ist, ist das genau das, was man erwarten konnte. Keine Überraschung, aber definitiv auch keine Enttäuschung. Man muss bedenken, dass dies das erste Tablet ist, dass auf dem Markt wohl eine reelle Chance hat. Dazu trägt auch der günstige Preis von 400-450 Euro bei.

Die Software aber ist der Schlüssel zum Erfolg. Es war eine logische und richtige Entscheidung, das iPad mit dem iPhone OS auszustatten. Dieses hat sich auf dem iPhone als stabil erwiesen. Es stehen von Beginn an mehr als hunderttausend Apps zur Verfügung und es dürfte für die meisten App-Developer kein Problem sein, die bestehenden Apps an den neuen Bildschirm anzupassen. Sie haben durch den größeren Bildschirm zudem zusätzliche Möglichkeiten. Dazu kommt, dass bereits viele iPhone-User mit der Bedienung vertraut sind und sich gezeigt hat, dass auch unerfahrene Benutzer sehr schnell mit dem System zurechtkommen.

Ein Desktop-Betriebssystem ist auf so einem Tablet nicht nötig. Im Gegenteil, es würde die Bedienung nur erschweren. Es gäbe zu viele Komponenten, die nicht für den mobilen Einsatz mit einen Touchscreen vorgesehen sind. Es gäbe zu viele Programme, deren Bedienbarkeit eine Katastrophe wäre. Zu viele Schaltflächen, die zu klein für die Finger sind, zu viele Fenster, die verwaltet werden müssen, zu große Performance-Probleme. Den Fehler hat Steve Ballmer bei der Präsentation des HP Slate gemacht, er hat ein Windows 7 drauf laufen lassen.

Apple hat mit iTunes und dem iPhone SDK eine sehr gute Basis für Entwickler geschaffen. Zum einen ist die Entwicklung von Apps mit dem SDK relativ einfach und gut dokumentiert, zum anderen ist der Vertriebsweg mit iTunes schnell, kostengünstig und global. Die Möglichkeiten in der App-Entwicklung sind bei weitem noch nicht ausgereizt, in den nächsten Monaten und Jahren wird es eine Vielzahl von neuen und innovativen Apps geben.

Das iPad muss sich nun erstmal beweisen und seine Anwendungsfelder finden. Das hängt eben auch von den Apps ab, die in Zukunft für das iPad entwickelt werden. Ich kann mir da einige Einsatzmöglichkeiten vorstellen:

Definitiv erwarte ich Apps von Zeitschriften und Zeitungen, die ihre Printausgabe auf den iPad übertragen und dabei Inhalte wie Video und Audio nahtlos einbinden. Diese Apps sind schon lange im Gespräch, für mich entscheidend für den Erfolg solcher Apps wären aber vor allem praktisch keine Wartezeiten beim Umblättern und Navigieren durch den Content. Das Look&Feel muss dem einer realen Zeitschrift entsprechen. Ich könnte gefallen daran finden, auf diese Weise verschiedene Zeitschriften on demand und tagesaktuell lesen zu können. Beispielsweise Musikzeitschriften, die so gleichzeitig auch Ausschnitte aus einem neuen Album oder einem neuen Musikvideo neben dem Text präsentieren. Natürlich lässt sich das Stück oder das Video dann direkt im iTunes-Store kaufen..

Für Kinder dürfte der iPad ebenfalls sehr gut geeignet sein. Während ein iPhone zu klein ist und normale Computer zu umständlich sind, ist das iPad groß genug, leicht, portabel und kinderleicht zu bedienen. Es fehlen nur kindgerechte Spiele und Lernsoftware.

Das gleiche gilt für alle jüngeren und älteren Menschen, die mit Computern sonst nichts oder nur wenig zu tun haben. Sie brauchen keinen Arbeitsplatzrechner mit all seinen Möglichkeiten, wenn sie ausschließlich im Internet surfen, Emails schreiben, Fotos schauen und vielleicht noch Musik hören wollen. Das iPad ist zwar nicht auf diese Möglichkeiten beschränkt, stellt diese aber wesentlich leichter und schneller zur Verfügung als ein normaler Computer. Und das dort, wo der Anwender es möchte, nicht nur dort, wo der Computer steht. Ich jedenfalls kann mir das Gerät gut für einen Großteil meiner Verwandschaft vorstellen.

Aber auch im beruflichen Umfeld gibt es Einsatzmöglichkeiten. Fotografen können ihre Fotos direkt vor Ort auf einem ordentlichen Bildschirm betrachten und mit einer entsprechenden App bearbeiten, ohne einen deutlich schwereren Laptop mitnehmen zu müssen. Die Bilder können dann per 3G direkt hochgeladen werden.

Eine etwas ausgefallenere Anwendungsmöglichkeit gäbe es zum Beispiel für DJs. Über den Dock Connector wird das iPad an Systeme wie Final Scratch oder Serato Scratch Live angeschlossen. Eine für diesen Zweck entwickelte App könnte durch den Touchscreen einfacher und in Kombination mit einer Tastatur schneller zu bedienen sein als aktuelle Desktop-Lösungen. Ich könnte mir dabei unter anderem ein Flippen durch die Musiksammlung vorstellen, ähnlich wie beim Cover-Flow, aber eher wie das Suchen in einer Plattenkiste.

Es gibt noch viel mehr Möglichkeiten, vor allem auch im beruflichen Umfeld, aber das ist alles noch Zukunftsmusik. Wenn Apple es schafft, ihr iPhone OS konsequent weiterzuentwickeln, und wenn der Markt an guten, sinnvollen und innovativen Apps und Zusatzhardware wächst, was ich beides erwarte, wird sich das iPad etablieren. Andere Hersteller entwickeln natürlich ähnliche Geräte. Ihnen allen fehlt aber eine einfache, durchdachte und übergreifende Software- und Hardwareinfrastruktur, wie Apple sie in den letzten Jahren aufgebaut hat. Das ist Apples wahrer Erfolg, nicht das Marketing.


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9 Kommentare zu “Gastbeitrag: “iPad: Keine Überraschung, aber definitiv auch keine Enttäuschung””

  1. SonicHedgehog:

    Wollte nur kurz anmerken: Denke nicht, dass das iPad großartig für Leute gedacht ist, die keinen Computer haben. Sonst würde es wohl kaum den doch relativ oft erforderlichen iTunes-Sync geben.

    Auch wenn es größer und bedeutungsvoller als das iPhone ist, orientiert sich das iPad doch sehr stark eher an einem Smartphone als an einem Computer. Eigenständig ohne PC ist das Teil meiner Meinung noch lange nicht.

  2. mk:

    Geht es um die Diskussion, welches Mobiltelefon ich empfehlen kann, sind alle Geräte mit einem großen AppStore vorne. Persönlich kenne ich nur Apples AppStore, mit dem ich sehr zufrieden bin. es gibt viele gute Apps, eine Integration von Podcasts, Musik und Videos ist nahtlos.

    Beim iPad wird es genau so sein. Was ich beim iPhone klasse finde und als den Vorteil gegenüber manch anderem Produkt sehe, verunsichert mich beim iPad.
    Fühlte sich zunächst etwas eingeschränk an, alles nur über den AppStore zu bekommen, und keine “normalen” Mac-Programme installieren zu können. Das das wieder ein riesen Geschäft ist, ist klar. Aber auch nach deinen Ausführungen und mit sich auf die Bedienbarkeit macht es Sinn und wird definitiv zum Erfolg beitragen.

    Ich könnte mir sehr gut vorstellen, ein iPad zu kaufen. Zurzeit würde es ziemlich gut in meinen Alltag passen. Denn mal ist mir das iPhone zu klein, mal das MBP zu groß/schwer. Die Überlegung war für mich schon immer da, ein Gerät dazuwischen zu nehmen. Ggf. ein Netbook. Auch die Überlegung, das MBP gegen ein kleines MB zu tauschen war da…
    Wieso jetzt also nicht ein iPad, auf dem ich meine gekauften iPhone-Apps nutzen kann, dass sich mit meinen ganzen anderen Geräten versteht!?

    Natürlich macht Apple das klever mit der Kundenbindung über mehrere Produkte hinweg. Aber das ist der Glas-halb-leer-Gedanke. Ich seh das positiv. Als Kunde profitiere ich doch davon. Ich kann mir mit einem klick ne Serie kaufen und überlegen, auf welchem Gerät ich sie mit einen Klick später sehen will, ohne mich groß ich Technikgefrickeln zu verlieren. Und das ist nur ein Beispiel. Manche sehen das negativ, ich kann da für mich nur Positives draus ziehen. Das ist der idielle Gedanke. In der Realität spielt dann noch der Preis ne Rolle. Das wird man für den deutschen Markt noch abwarten müssen.

  3. Mirko:

    @SonicHedgehog:

    Guter Punkt. Streng genommen funktioniert es nach erfolgreicher Aktivierung schon jetzt ohne Sync. Es gibt ja den App-Store, den iTunes-Store und jetzt auch den iBook-Store auf dem Gerät. Aber du hast vollkommen recht, an dem Punkt muss das iPhone OS offener werden. Ein einfacher Datenaustausch ist momentan nur schwer möglich.

    Ganz davon abgesehen verstehe ich nicht, warum ein Sync nicht über WLAN oder Bluetooth funktioniert. Technisch sollte das kein Problem sein, Verbindungsabbrüche abzufangen. Problematisch könnte nur die Datenmenge sein..

  4. Mel G.:

    Leider versteh ich zu wenig von Apples übergreifender Software- und Hardwarestruktur, glaube aber weiterhin – um den letzten Satz aufzugreifen -, dass v.a. dieses minimale, faszinierende Design Apples Erfolg garantiert… Denn so abwegig ist es gar nicht anzunehmen, dass das Design in seiner Perfektion das verkörpert, was sich ein Nutzer viell. für sich selbst wünscht, nämlich Eleganz, Geradlinigkeit und Esprit; und so nah man mit Apple auch am globalen Geschehen teilnimmt, so sehr strahlt das schlichte Design auch Frieden und Ruhe aus.

    Somit hat Apple etwas erfunden, was irgendwie eine innere Sehnsucht nach… ja nennen wir es “Genügsamkeit” stillt, aber zugleich das Bedürfnis nach “Mehr” befriedigt.

    Zumindest erklärt dieser etwas pathetische Ansatz meine Faszination für Apple – und seinen Erfolg :)

  5. mk:

    Interessanter Ansatz. Hab ich so noch nicht durchdacht.
    Wird Zeit, dass du dir ein Apple-Produkt holst. ;-)

  6. mk:

    uh, was ich gerade noch lese: “Kein Multitasking. Kein Flash.”

    Da ist enttäuschend. Wenn ich mit dem iPad an einem verschneiten Sonntag 4 Stunden auf dem Sofa ein eBook lese, möchte ich doch vielleicht trotzdem die Skype-App laufen haben.
    Kein Multitasking beim iPhone ok, das nutzt man ja nicht stundenlang und meist sehr gezielt. Aber beim iPad!? Was denkt ihr?

  7. Mirko:

    @Mel G.:

    Ja, sehr interessanter Ansatz. Da ist mit Sicherheit viel wahres dran :)

    Für mich ist das Design beim Kauf eines Produktes auch ein ausschlaggebender Faktor, aber eben nicht nur. Wenn sich das Ding nur umständlich bedienen lässt oder die “Responsiveness” zu hoch ist, kann das auch ein tolles Design nicht retten.

    Wahrscheinlich ist es die Summe all dieser Faktoren, die den Erfolg ausmacht. Das schlichte, ansprechende Design, die gut durchdachte und intutitiv bedienbare Software, die stabile und qualitativ recht hochwertige Hardware und eine Marketingabteilung, die all das gut verkaufen kann.

    @mk:

    “Kein Flash.” – kann ich mit leben :) Momentan mit Sicherheit ziemlich hinderlich, um alles im Internet betrachten zu können. In den 10er-Jahren wird Flash aber meiner Meinung nach kaum noch eine Rolle spielen. Mal abwarten, vielleicht integrieren sie Flash ja doch noch im nächsten OS. Ich glaubs aber nich..

    “Kein Multitasking.” – ja, das fehlt definitiv.

  8. Andy:

    Mich macht das ipad nicht an. Es bietet in etwa die gleichen Features wie das iPhone-und das ist mir zu wenig.

    Weder gibt es einen vernünftigen Media Player, noch anschlussmöglichkeiten für Peripheriegeräte. Warum hat man dem Teil keinen USB-Port speniert? Oder einen Card-Reader?

    Das ich beim Browsen im Internet mangles Flash immer noch keine eingebetteten Videos betrachten kann, dass ich das Ding nicht als externen Datenspeicher verwenden kann, dass ich überhaupt fürs Befüllen und Verwalten des Gerätes auf iTunes angewiesen bin rundet für mich das Gesamtbild ab: No ipad for me.

    Versteht mich nicht falsch: sowohl iPhone als auch ipad sind großartige technische Geräte – umso mehr fällt auf, dass die Fähigkeiten der Dinger durch Apples restriktive Software erheblich beschnitten werden.

    Das HP Slate sieht z.B für mich weitaus interessanter aus. Das Argument, Win7 sei zu frickelig für die Bedienung ber Touchscreen zieht glaube ich nicht. Unterwegs will ich im Web browsen, Emails verschickten, mal ein Video schauen, usw. Zuhause kann ich dann entsprechende Peripherie Anschließen wenn ich möchte.

    “Wenn ich möchte” ist für mich der zentrale Punkt: Apple nimmt mir die Wahl, was ich mit dem Gerät tun kann und soll. Und das mag ich nicht :)

  9. Mirko:

    @Andy:

    Was verstehst du denn unter einem vernünftigen Media Player? Wahrscheinlich einen, der alle Video- und Audioformate abspielt, oder? :)

    Dass das Teil keinen USB-Port und keinen Card-Reader integriert hat, versteh ich auch nicht. Schließlich gibt es beides als Dock-Erweiterung. Vielleicht zur Kostenreduktion, und so kann Apple noch zusätzlich ein paar Euro verdienen.

    Flash ist momentan ein Problem, sollte aber in Zukunft, wie oben geschrieben, immer seltener werden.

    Das iPad als externen Datenspeicher zu benutzen, fänd ich auch super, da stimme ich dir zu. Allerdings wirklich nur als externer Datenspeicher, nicht zum Zugriff auf alle Daten auf dem iPad. Das würde nur Probleme geben.

    Ich finde nämlich die Verwaltung der iGeräte über iTunes alles andere als ein Hindernis, ich finde es sogar angenehm. Ich muss mir keine Gedanken machen, wo und wie ich meine Bilder, Videos, Notizen, Adressen etc. gespeichert habe, auf welchem Gerät sie gerade aktuell sind und ob ich auch wirklich alle Daten übertragen habe. Ich hätte die Syncronisation nur nicht als Teil von iTunes implementiert, sondern in einem eigenen Programm oder als Systemfunktion von OS X untergebracht.

    Ich bin mal gespannt, ob die Bedienung von Windows 7 auf dem HP Slate wirklich so reibungslos funktioniert. Das glaube ich erst, wenn ich es sehe ;)

    “Unterwegs will ich im Web browsen, Emails verschickten, mal ein Video schauen, usw. Zuhause kann ich dann entsprechende Peripherie Anschließen wenn ich möchte.” – und das geht mit dem iPad nicht?

    “Apple nimmt mir die Wahl, was ich mit dem Gerät tun kann und soll. Und das mag ich nicht :)” – Hmm, man kann es auch anders rum sehen. Apple bietet einen gewissen Funktionsumfang an. Wenn der einem nicht zusagt, muss man sich bei der Konkurrenz umsehen. Dafür muss man dann eventuell mit anderen Einschränkungen oder Problemen leben. Denn andere Hersteller müssen ihren Funktionsumfang auch einschränken, und sei es die Bedienbarkeit oder die Garantie, dass alle versprochenen Eigenschaften auch einwandfrei funktionieren.

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